The Mystery Of Chopin
Ein Film von Tony Palmer
Chopins Klaviermusik ist die eine Seite. Die andere:
Obszöne Briefe des Komponisten an seine Schülerin und Geliebte
Delfina Potocka. Würden solche Dokumente heute auftauchen, man nähme
sie nicht ohne Sensationsgier zur Kenntnis – und ginge dann zur
Erforschung über.
Im Polen
des Jahres 1945 war das freilich anders: Als eine Dame bei einem
regimetreuen Chopin Biografen
auftaucht, sich als Urenkelin der Potocka entpuppt und die bis dahin
unbekannten Briefe präsentiert, passt das den kommunistischen
Machthabern in Polen nicht: Gerade hatte man in Chopin den
Nationalhelden gefunden, den man dringend brauchte. Und nun musste
man sich mit Briefen auseinandersetzen, in denen Chopin nicht
nur mit den schlimmsten Schimpfwörtern gegen Zeitgenossen (zum
Beispiel Liszt) wettert, pornografisch den Körper seiner Geliebten
beschreibt und auch noch seinem Unmut über jüdische Verleger Luft
macht. Das Bild des Patrioten, der auf all seinen Reisen einen
Becher Heimaterde mitgeführt haben soll, ist angekratzt – und das
Ende fast voraussehbar. Die Urenkelin Paulina Czernicka kam prompt
an Chopins 100. Todestag, am 17. Oktober 1959 ums Leben. Offizielle
Todesursache:
Selbstmord.
Tony Palmers Film
verläuft in zwei parallelen Handlungssträngen: In dem einen erzählt
er schwarzweiß die zum Scheitern verurteilten Versuche von Paulina
Czernicka, ernsthafte Interessenten für ihre Dokumente zu finden, im
anderen erlebt man farbige Bilder aus Chopins Leben. Das Ganze
verläuft in schwermütiger Langsamkeit und mit oft kitschigem
Musikeinsatz – zum Beispiel wenn bei Frau Czernickas Verhaftung die
Akkorde des „Trauermarsches“
donnern. Die Schauspieler
wirken in all der Schicksalhaftigkeit mit ihren stoischen Gesichtern
distanziert, die Szenen sind so konsturiert, dass es manchmal ans
Lächerliche grenzt – etwa, wenn Bauern in der polnischen Revolution
das Schloss eines im Schlafrock im Schneckentempo durch die Gemächer
flüchtenden Erzherzogs
stürmen.
Ganz sicher hört man
Chopins Musik nach diesem Film nicht neu - auch wenn der PR-Text es
verheißt. Er ist der Held des Klaviers geblieben, der er war. Ob die
Briefe an Dolphina echt sind, weiß bis heute niemand. Und so bleibt
uns (leider) auch der pornografische Chopin
verwehrt. Immerhin entschädigt die im Film für den Klavierton
sorgende Valentina Igoshna mit einem schönen Konzertteil.
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